Evangelischer Friedhof Simmering





Mitte des 19. Jahrhunderts wurde eine konfessionelle Trennung der Begräbnisstätten angeordnet. Die beiden evangelischen Gemeinden, deren verstorbene Glaubensangehörige in den außerhalb des Linienwalles angelegten katholischen Friedhöfen bestattet wurden, mussten eine eigene Bestattungsanlage vor der Matzleinsdorfer Linie errichten. Dieser Friedhof wurde am 7. April 1858 eingeweiht. Die Kosten der Errichtung wurden von beiden Gemeinden im Verhältnis von drei Vierteln (Augsburger Bekenntnis) zu einem Viertel (Helvetisches Bekenntnis) getragen.

Verfügung über Auflassung

Am 12. November 1876 wurde in Anbetracht der mit der Anlage des Zentralfriedhofes angestrebten Zentralisierung des Beerdigungswesens die Auflassung dieses Friedhofes verfügt, "wogegen die evangelischen Gemeinden Augsburger und Helvetischer Konfession den Rekurs bei dem kaiserlich-königlichen Ministerium des Innern einbrachten". 1897 erhielt die evangelische "Administration des protestantischen Matzleinsdorfer Friedhofes" die Aufforderung, die "Belagsverhältnisse und den voraussichtlichen Zeitpunkt der Schließung des Friedhofes" bekannt zu geben. Als schließlich auch eine im Jahr 1900 beabsichtigte Friedhofserweiterung abgelehnt wurde, beauftragten die Presbyterien der beiden evangelischen Gemeinden ein Friedhofskomitee für die erforderlichen Schritte zur Errichtung eines neuen Friedhofes. Für den Erwerb des zur Anlage eines Friedhofes geeigneten Areals wurden Grundstücke in Hetzendorf, Favoriten, Inzersdorf und Vösendorf in Aussicht genommen und zum Teil mit den Grundeigentümern Vorverträge abgeschlossen. Keines der Projekte konnte verwirklicht werden.

Neuanlage des Friedhofes

Nach langen Bemühungen konnte 1903 ein in der Nähe des Zentralfriedhofes gelegenes Grundstück im Ausmaß von elf Joch erworben werden. Durch einen Grundtausch mit einem Anrainer wurde der neue Friedhof unmittelbar an den Zentralfriedhof angrenzend errichtet. Am 3. November 1903 beschloss der Wiener Stadtrat, gegen "die Erteilung der sanitätspolizeilichen Bewilligung zur Errichtung eines evangelischen Friedhofes keine Einwendungen zu erheben". Am 12. Juli 1904 wurde das Ansuchen des Friedhofskomitees der "Evangelischen Gemeinden um Bewilligung für Baulichkeiten" genehmigt. Die Pläne zur Anlage des Friedhofes, des Administrationsgebäudes und der Wartehalle, der Kapelle sowie der Leichenkammer und der Portalanlage stammten von den Architekten Karl Friedrich Wolschner und Rupert Diedtel. Diese waren mit der Durchführung der Arbeiten betraut. Für die Kosten der Friedhofserrichtung kamen die beiden Gemeinden auf. Die Beteiligung am Eigentum und an den zukünftigen Ausgaben für den Friedhof beziehungsweise an den aus dessen Benützung sich ergebenden Einnahmen wurde mit drei Vierteln für die Gemeinde A. B. und mit einem Viertel für die Gemeinde H. B. festgelegt. Der "neue evangelische Friedhof" wurde am 14. November 1904 eingeweiht. Die Festrede hielt Pfarrer Marolly. Am 16. November 1904 fand das erste Begräbnis, die Beerdigung eines kleinen Kindes, statt. 1905 verfügte der Friedhof über eine Fläche von 35.000 Quadratmeter. Als Reservefläche waren 29.261 Quadratmeter vorhanden. 1908 wurde zwischen dem Friedhofskomitee der beiden evangelischen Gemeinden und der Gemeinde Wien - Städtische Leichenbestattung vertraglich vereinbart, dass "die bei den Verwaltungen der evangelischen Kirchengemeinden bestellten Leichenbegängnisse für die verstorbenen Gemeinde-Angehörigen respektive Glaubensgenossen ausschließlich an die Städtische Leichenbestattung übertragen" werden. Die Beerdigungen sollten, wenn von den Angehörigen nichts anderes bestimmt wurde, ausschließlich im neuen evangelischen Friedhof erfolgen.

Aufbahrungen durch städtisches Leichenbestattungsunternehmen

Das Friedhofskomitee beabsichtigte 1915, in der rechts vom Friedhofstor situierten und für die Aufbahrung von Leichen adaptierten Leichenkammer die "Aufbahrung in eigener Regie" durchzuführen. Das städtische Leichenbestattungsunternehmen erklärte sich bereit, nicht nur die "bereits gelieferten Aufbahrungsgegenstände zum Anschaffungspreis" zu übernehmen, sondern auch für die einzelnen Aufbahrungen festgesetzte - klassenmäßig abgestufte - Gebühren zu entrichten. Anlässlich der Änderung des 1908 abgeschlossenen Vertrages wurde gleichzeitig dem städtischen Unternehmen die ausschließliche Besorgung der Aufbahrungen in der Aufbahrungshalle des neuen evangelischen Friedhofes eingeräumt.

Bestandsvertrag bis 2016

Mit Beschluss des Wiener Gemeinderates vom 24. September 1926 wurde den beiden Wiener evangelischen Kirchengemeinden A. B. und H. B. "ein an den bestehenden Friedhof im XI. Bezirk anschließender Grundstreifen im Ausmaß von 14.986 Quadratmetern auf die Dauer von 45 Jahren für Friedhofszwecke in Bestand gegeben". Dieser Bestandsvertrag wurde am 20. Jänner 1972 auf weitere 45 Jahre - bis Ende des Jahres 2016 - verlängert.

Umgestaltung der Aufbahrungshallen

Im April 1931 erklärte sich der Friedhofsausschuss der beiden evangelischen Gemeinden unter Bezugnahme auf den mit der Gemeinde Wien - Städtische Leichenbestattung im Jahre 1929 abgeschlossenen Vertrag bereit, "den Vertrag auch auf das Recht der ausschließlichen Überlassung der beiden evangelischen Friedhofskirchen zur Aufbahrung durch die städtische Leichenbestattung auszudehnen", wenn bestimmte Bedingungen erfüllt werden. Der 1931 auf die Dauer von 20 Jahren abgeschlossene Vertrag führte zu einer Umgestaltung der Aufbahrungshalle. Diese wurde durch die Einbeziehung der Infektionsleichenkammer vergrößert. Nach dem Umbau verfügte sie über vier geeignete Aufbahrungsnischen. Mit den Bauarbeiten verbunden war die Herstellung eines Stromanschlusses zur Beleuchtung der Aufbahrungshalle. Diese Arbeiten wurden im März 1932 fertig gestellt. Für die Dauer der Bauarbeiten stand die Wartehalle zur Aufbahrung der Verstorbenen zur Verfügung.

Im Oktober 1942 wurde in der Aufbahrungshalle eine eigene Urnenaufbahrung aufgestellt. Im selben Jahr wurde an Stelle des 1931 abgeschlossenen Vertrages ein neuer, auf die Dauer von 30 Jahren befristeter Vertrag abgeschlossen. Im Hinblick auf den von der Städtischen Bestattung geplanten Umbau der Aufbahrungshalle wurde 1977 - in Anlehnung an das im Jahre 1970 beschlossene Wiener Leichen- und Bestattungsgesetz - zwischen den beiden evangelischen Gemeinden A. B. und H. B. in Wien und der Wiener Städtischen Bestattung ein auf die Dauer von 30 Jahren befristeter neuer Vertrag abgeschlossen. Dieser wurde am 1. Jänner 1978 wirksam.

Ab 29. März 1977 wurde die Aufbahrung Verstorbener in der Halle eingestellt. Ab 31. März 1977 wurde für die Dauer des Hallenumbaues die Abhaltung der Trauerfeiern in der Friedhofskirche vorgenommen. Nach einer Bauzeit von zehn Monaten konnten die nach den Plänen von Architekt DI Erich Boltenstern gestalteten beiden Aufbahrungsräume am 6. Februar 1978 wieder der Benützung übergeben werden. Die Altarkreuze in den beiden Zeremonienräumen schuf der akademische Maler Prof. Hans Robert Pippal. Die Gestaltung und Ausführung der Bleiverglasung der Fenster und die Verglasung der Eingangstüren mit echtem Antikglas wurde dem akademischen Maler Prof. Hermann Bauch übertragen. In der den beiden Altären gegenüberliegenden Wand wurde ein von beiden Aufbahrungsräumen benützbarer Urnenschrein eingebaut, dessen Türen mit bronzepatiniertem Messingblech verkleidet sind.

Evangelischer Friedhof Simmering
Simmeringer Hauptstraße 242,
Zentralfriedhof Tor 3
1110 Wien

Tel. +43 (0)1 767 62 54

Homepage: www.evangelischerfriedhof11.at