Evangelischer Friedhof Matzleinsdorf





Kaiser Joseph II. stellte im Zusammenhang mit seiner Anordnung zur Schließung der innerhalb des Linienwalles befindlichen Friedhöfe den Wiener Protestantinnen und Protestanten 1783 frei, eine eigene Begräbnisstätte zu errichten oder ihre Toten auf den katholischen Friedhöfen bestatten zu lassen. Die Antwort lautete, "daß man mit wärmsten Dank die allerhöchste Gnade unsere Todten auf die Catholischen Friedhofe begraben zu dörffen annehmen wolle und werde". Die "Religionskonzession" vom 7. Dezember 1568 erlaubte den adeligen Ständen, Herren und Rittern freie Ausübung der Augsburger Konfession. Dadurch waren die Verstorbenen der in Wien ansässigen Protestantinnen und Protestanten von Kaiser Maximilian II. in dem 1570 errichteten "Kaiserlichen Gottesacker vor dem Schottentor" ab 1600 in einem eigenen Teil des Friedhofes bestattet worden. Im September 1783 sollten jedoch "die Begräbnisse der Protestanten und Griechen" in diesem Friedhof "gänzlich eingestellt" und nur mehr "auf dem am Alsbach befindlichen Theil des Stift Schottischen Gottesacker" vorgenommen werden. Da diese Anordnung aber mit der "Cassierung der innerhalb der Linie" befindlichen Friedhöfe 1784 hinfällig geworden war, wurden die in Wien verstorbenen Protestantinnen und Protestanten in den außerhalb des Linienwalles neu angelegten fünf katholischen Friedhöfen beerdigt. Etwas mehr als sieben Jahrzehnte wurden auf Grund der von Joseph II. verfügten Regelung die "Akatholiken" in den katholischen Friedhöfen - unbeschadet aller sonstigen Veränderungen - bestattet. Erst als im Verlaufe der Konkordatsverhandlungen in einer am 1. Juni 1854 vorgelegten Note die gemeinsamen Friedhöfe "zugunsten konfessionell getrennter Begräbnisstätten" aufgegeben werden sollten, veranlasste die kaiserliche Regierung 1855 "die konfessionelle Scheidung der Friedhöfe".  

Entstehung des evangelischen Friedhofsteils

In einem Erlass des Ministers für Kultus und Unterricht vom 21. Mai 1856 wurde festgestellt, dass "die bisherigen politischen Verordnungen über die Benützung der katholischen Friedhöfe und Glocken bei Beerdigung der Akatholiken als unvereinbar" anzusehen sind und davon "fortan abzukommen" ist. "Was die Friedhöfe anbelangt, so ist vor allem auf Gemeinsamkeit derselben für Katholiken und Akatholiken nicht nur nicht zu dringen, sondern vielmehr bei jedem sich darbietenden Anlasse dahin zu wirken, daß für akatholische Gemeinden entweder eigene Friedhöfe neu errichtet werden, oder daß, wo hierauf ein billiger Anspruch bestehen sollte, ein Theil des gemeinsamen Friedhofes förmlich abgetrennt und der akatholischen Gemeinde zu ihrem ausschließenden Gebrauche übergeben werde." Am 12. Dezember 1857 hatte das von beiden evangelischen Gemeinden eingesetzte Friedhofskomitee dem Vorstand berichtet, "daß von der Comune und der Südbahn ein Gelände von 7.679 Quadratklaftern angekauft, ein 17 Klafter tiefer Brunnen gegraben, mit 1. Dezember ein Totengräber aufgenommen und ein Leichentarif ausgearbeitet worden sei". Die Einweihung des Friedhofes erfolgte am 7. April 1858. Am 30. Juni 1858 wurde der Baumeister Franz Halmschläger mit dem Bau der Friedhofskirche nach den Plänen von Theophil Hansen beauftragt. Nach einer Bauzeit von rund zwei Jahren konnte die Kirche am 27. September 1860 geweiht und ihrer Bestimmung als Begräbniskirche übergeben werden. 1894 wurde vom "Wiener Protestantenverein A. B." um die Abhaltung eines regelmäßigen Gottesdienstes angesucht. Nach den entsprechenden Umbauten (Errichtung eines Gestühles, Einbau seitlicher Emporen sowie einer Kanzel und eines Altares) wurde die Kirche am 24. September 1899 eingeweiht. Sie wird seither als Gemeindekirche (Christuskirche) verwendet. Die Kosten für die Errichtung des Friedhofes wurden von der Gemeinde A. B. zu drei Viertel und von der Gemeinde H. B. mit einem Viertel getragen. Gemäß den "Statuten für die Verwaltung des Friedhofes" - die im Jahre 1858 erlassenen Statuten traten nach einer Revision ab 1. Jänner 1860 in Kraft - sollten "nach demselben Verhältnis von drei zu eins auch in Zukunft alle für den Friedhof zu machenden Ausgaben und alle aus dessen Benützung sich ergebenden Einnahmen unter die beiden Gemeinden getheilt" werden.

Erweiterungen und Forderungen nach Schließung

Da nach der Eröffnung des Friedhofes "auf den katholischen Friedhöfen Leichen von Protestanten ausgegraben und in die evangelische Ruhestätte übertragen wurden", war bereits 1860 eine Erweiterung im Ausmaß von drei Joch erforderlich. 1875 beantragte Gemeinderat Dr. Pichl, den Friedhof aus sanitären Rücksichten aufzulassen. Der vom Wiener Gemeinderat zur Berichterstattung aufgeforderte Magistrat trat unter Hinweis auf das Reichsgesetz vom 30. April 1870 betreffend die Organisation des öffentlichen Sanitätsdienstes (RGBI. 68/1870) im Jahre 1876 dafür ein, "daß vom 1. Jänner 1877 die Belegung der Schacht- und Einzelgräber auf dem evangelischen Friedhof aufzuhören habe". Am 12. November 1876 wurde vom Wiener Gemeinderat im Hinblick auf die mit der Anlage des Zentralfriedhofes angestrebte Zentralisierung des Beerdigungswesens die Auflassung des Friedhofes verfügt. Da die evangelischen Gemeinden gegen die Entscheidung, "mit welcher die Schließung des evangelischen Friedhofes angeordnet" worden war, "an die Statthalterei rekurriert" hatten und gegen deren für den Beschwerdeführer im ungünstigsten Sinne abgefasstes Urteil ebenfalls den Rekurs ergriffen, ordnete das k. k. Ministerium des Innern im Jahre 1879 an, dass von der k. k. Statthalterei eine neue und umfassende Erhebung vorgenommen werden muss. 1886 wurde der Friedhof - der gegen seine Schließung in zwei Instanzen eingebrachte "Ministerialrecurs" war noch anhängig - noch immer "zur Leichenbeerdigung" benützt. 1893 konnte die "Schließung des protestantischen Matzleinsdorfer Friedhofes" nicht durchgeführt werden, da die Entscheidung des k. k. Ministeriums des Innern noch ausständig war. 1891 wurde vom Magistrat die Herstellung einer zweiten Leichenkammer, eines Kutscher- und eines Wächterzimmers genehmigt. Für die als "Infektionsleichenkammer" dienende zweite Leichenkammer wurden besondere Auflagen vorgeschrieben. 1897 wurde die "Administration des protestantischen Matzleinsdorfer Friedhofes" aufgefordert, die Belagsverhältnisse und den voraussichtlichen Zeitpunkt der Schließung des Friedhofes bekannt zu geben. 1900 wurde ein Antrag auf Erweiterung des Friedhofes, auf dem nach einem Beschluss des Friedhofskomitees ein Krematorium und ein Urnenhain errichtet werden sollten, vom Magistrat der Stadt Wien abgelehnt. Am 19. April 1904 wurde die Einleitung des Hochquellenwassers genehmigt. Als den beiden evangelischen Gemeinden mit Erlass der k. k. Statthalterei vom 4. November 1904 die Weiterbelegung des Friedhofes bewilligt worden war, wurde "zufolge Stadtratsbeschluß vom 18. November 1904 der Rekurs an das k. k. Ministerium des Innern ergriffen". Als 1905 im Zusammenhang mit der Auflassung des Friedhofes ein vom Magistrat durchgeführtes, die Belegfrist der Grüfte betreffendes Administrationsverfahren sowohl von der k. k. Statthalterei als auch vom k. k. Ministerium des Innern als mangelhaft aufgehoben worden war, wurde von der Gemeinde Wien die Beschwerde an den Verwaltungsgerichtshof ergriffen. Mit Entscheidung des k. k. Verwaltungsgerichtshofes vom 7. April 1906 wurde jedoch "den Besitzern von Grüften und eigenen Gräbern unter gewissen Bedingungen das Recht der Weiterbenützung gestattet" und somit die Auflassung des Friedhofes widerrufen.

Neuer evangelischer Friedhof

In Anbetracht der bevorstehenden Auflassung des Friedhofes war bereits 1904 angrenzend an den Wiener Zentralfriedhof ein neuer evangelischer Friedhof errichtet worden. 1908 wurde zwischen den beiden evangelischen Gemeinden und der Städtischen Leichenbestattung vertraglich vereinbart, dass alle Leichenbegängnisse vom kommunalen Unternehmen durchgeführt werden. Wenn von den Angehörigen nichts anderes bestimmt wurde, war die Beerdigung ausschließlich auf dem neuen evangelischen Friedhof vorzunehmen. Die den Küstern der evangelischen Gemeinden bewilligten Konzessionen wurden zurückgelegt. Als Gegenleistung verpflichtete sich die Städtische Leichenbestattung, an die beiden Gemeinden klassenmäßig festgesetzte Quoten je Begräbnis zu entrichten. 1915 wurde dieser Vertrag erweitert und der Städtischen Leichenbestattung das alleinige Recht der Aufbahrung in der auf dem neuen Friedhof in Simmering errichteten Leichenhalle (Leichenkammer) übertragen. Im April 1931 erklärte sich der Friedhofsausschuss der beiden evangelischen Gemeinden bereit, die beiden Friedhofskirchen in den 1929 neuerlich abgeschlossenen Vertrag einzubeziehen. Der Städtischen Leichenbestattung wurde das alleinige Aufbahrungsrecht sowohl in der Leichenhalle und Friedhofskirche im evangelischen Friedhof in Simmering als auch in der Friedhofskirche des evangelischen Friedhofes in Matzleinsdorf vertraglich eingeräumt. Die Leichenhalle des 11. Bezirkes wurde in eine Aufbahrungshalle mit anschließender Beisetzkammer umgestaltet. Nicht die im Friedhof Matzleinsdorf gelegene Leichenkammer, sondern die angrenzend an den Friedhof im Jahre 1877 errichtete städtische Leichenkammer wurde für die Aufbahrung Verstorbener umgestaltet. Anlässlich der Planung des Bauvorhabens erklärten sich die beiden evangelischen Gemeinden bereit, dass ein mit einem Tor abzuschließender Durchbruch in der Friedhofsmauer geschaffen wird, sodass "die evangelischen Leichen ohne weiteres in der neuen Halle aufgebahrt werden können". Im Mai 1931 genehmigte der zuständige Gemeinderatsausschuss die bauliche Umgestaltung der Leichenkammer Gudrunstraße zur Schaffung eines neuen Aufbahrungsraumes sowie die Ausgestaltung mit entlüftbaren Vitrinen mit einem voraussichtlichen Kostenaufwand von 26.000 Schilling. 1941 wurde der "Verkauf neu zu belegender Gräber an Nichtevangelische" bis auf Weiteres eingestellt. 1948 verpflichteten sich die beiden evangelischen Gemeinden, "die Vergebung von Grabstellen und Grüften sowie die Beilegung von Leichen" mit 31. Dezember 1999 einzustellen. 1950 wurden die "außerhalb der städtischen Friedhöfe gelegenen Gräber der Besatzungsmächte", darunter auch jene im evangelischen Matzleinsdorfer Friedhof, "in die Erhaltung und Pflege der Magistratsabteilung für Friedhöfe übergeben". 1966 wurde die Friedhofskirche renoviert. 1976 wurde der Bahrwagen eingeführt. 1986 wurde den evangelischen Gemeinden die Benützung der an den Friedhof angrenzenden Bezirksbeisetzkammer (Gudrunstraße 199) für Bestattungsfälle im evangelischen Friedhof Matzleinsdorf auf die Dauer des Friedhofsbestandes bewilligt. 1966 wurde von der zuständigen Behörde eine unbefristete Bewilligung für den Betrieb des Friedhofes erteilt.

Umgestaltung der Aufbahrungshalle

Von der Städtischen Bestattung gemeinsam mit der Abteilung Städtische Friedhöfe (MA 43) wurden die im Gebäude der Bezirksbeisetzkammer (Gudrunstraße 199), der ehemaligen "Leichenkammer nächst dem protestantischen Friedhofe", bestehende Aufbahrungshalle für den evangelischen Friedhof Matzleinsdorf sowie die Bezirksbeisetzkammer umgestaltet. Am 6. November 1989 wurde die Aufbahrungshalle gesperrt und nach einer Bauzeit von elf Monaten am 4. Oktober 1990 im Rahmen einer Feier wieder ihrer Bestimmung übergeben. Während der Bauzeit wurden mit Zustimmung der zuständigen Stellen der evangelischen Gemeinden und im Einvernehmen mit den Vertretern der römisch-katholischen und der altkatholischen Kirche alle Trauerfeiern in der Friedhofskirche abgehalten. Der nach den Plänen des Architekten Dr. Christof Riccabona umgestaltete Aufbahrungsraum soll "ein Schreiten aus dem Dunkel ins Licht und aus den Grenzen der starren Materie in eine farbige Landschaft der Seele versinnbildlichen". Die Fenster - hervorzuheben ist das Altarfenster - sowie das Altarkreuz wurden vom akademischen Maler Prof. Hermann Bauch entworfen und ausgeführt. In der Vorhalle wurde eine Urnenstele mit einem künstlerisch gestalteten Urnenstein aufgestellt.

Evangelischer Friedhof Matzleinsdorf
Triesterstraße 1
1100 Wien

Tel.: +43 (0)1 604 33 42

Homepage: www.friedhof-matzleinsdorf.at